Wenn du dein Hier und Jetzt unerträglich findest und es dich unglücklich macht, dann gibt es drei Möglichkeiten: Verlasse die Situation, verändere sie oder akzeptiere sie ganz. Wenn du Verantwortung für dein Leben übernehmen willst, dann musst du eine dieser drei Möglichkeiten wählen, und du musst die Wahl jetzt treffen. Eckhart Tolle

Ich bin nicht religiös, nie gewesen. Was im Leben für mich zählt sind die Werte, nach denen ich lebe, wie Mitgefühl, (Nächsten-)Liebe, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und was es noch so gibt. Dafür habe ich nie eine Kirche gebraucht, meist geführt und verkörpert durch Menschen, die oft nicht weniger fehlbar sind als wir, ob christlich, moslemisch, jüdisch, hinduistisch oder was es sonst noch an Religionsrichtungen gibt.

Dennoch würde mich wohl als Agnostikerin bezeichnen. Das heißt, ich glaube schon, dass da irgendwas ist. Eine Energie, eine Macht, eine übergeordnete Intelligenz, die alles zusammenhält, lenkt, leitet. Müsste ich mich jedoch für eine Religion entscheiden, würde ich mich am ehesten im Buddhismus wiederfinden, der jedem eine Eigenverantwortung für sein Leben überträgt. Schlechtes oder schlimmes Verhalten mit 15 Rosenkränzen und 10 Vaterunser zu verrechnen fand ich schon immer eher fragwürdig (verzeiht mir, liebe Katholiken J). Mit dem Karmaprinzip “What goes around, comes around” kann ich was anfangen.

Karmaprinzip

Aber es gab und gibt Situationen, da half mir auch dieses Prinzip nicht weiter. Als ich 2005 die Diagnose Multiple Sklerose bekam fragte ich mich schon: Warum ich? Aber ich akzeptierte es als eine Art Holzhammerweckruf, einiges in meinem Leben zu ändern. Das tat ich, in allen Bereichen, mit Erfolg wie ich fand. 2016 ging es mir so gut wie lange nicht, und bekam gefühlt aus dem Nichts die Diagnose Brustkrebs. Und neben WTF?! stellte sich mir erneut die Frage: Warum ich??? Das Karmaprinzip half mir da nicht wirklich weiter, denn ich bin sicher nicht perfekt – aber generell schon das, was ich als überwiegend guten, freundlichen und hilfsbereiten Menschen bezeichnen würde.

Die dunklen Stunden: Gedankenkarussell

Ärzte sind oft wenig empathisch, aber der meinige half mir tatsächlich insofern weiter, als dass er gleich im ersten Gespräch sagte: „Fragen sie sich nicht, warum. Stellen sie sich nicht in Frage und glauben sie nicht, dass sie etwas falsch gemacht haben oder hätten beeinflussen können. Brustkrebs kann jede Frau treffen.“ Und ich habe es schließlich akzeptiert, denn so ist es doch mit allem: Was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren – und das Beste draus machen. Also hieß es Augen zu, Ärmel hoch und durch da.

Ich bin unglaublich dankbar dafür, generell ein positiver und optimistischer Mensch zu sein, unfassbar tolle Freunde zu haben und eine Familie, die mich unterstützt hat. Trotzdem überkam mich in den dunklen Stunden auch manchmal eine gewisse Wehmut, keinen Glauben an eine höhere Ordnung zu haben, die für mich da ist und an die ich mich zumindest im Geiste wenden kann. Und bestenfalls dafür sorgt, dass alles gut wird. Oder mir zumindest die tiefe Zuversicht vermittelt, dass das alles schon so seinen Sinn hat und im Worst Case ein Himmel oder ein nächstes Leben auf mich wartet. Das waren die Phasen, in denen das Gedankenkarussell ratterte und ich mir schlimme bis schreckliche Szenarien ausmalte, die natürlich rein hypothetisch waren.

Mir war bewusst, dass das sinnlos ist. Dass es keinen Sinn macht, vor etwas Angst zu haben, von dem man nicht weiß, ob es je passieren wird. Dass es genauso viele positive Szenarien gibt, an die ich denken könnte, denen ich nachts um drei aber keine Chance gab. Und dass ich mit dem negativen Gedankenkarussell die ganze Situation nur schlimmer machte.

Beobachte deine Gedanken – und ändere sie

Was mir wirklich half, war ein beeindruckender Mensch, denn eine liebe Freundin bereits ein Jahr zuvor in mein Leben gebracht hatte: Eckart Tolle. Generell haben mich Bezeichnungen wie „spiritueller Lehrer“ immer eher abgeschreckt, aber auf Tolle habe ich mich eingelassen. Zum Glück. Er war mir eine unfassbare Stütze, Hilfe, Trost, wenn ich mich mal in meinen Gedanken verlor. Er machte mir bewusst, dass meine Gedanken sich oft selbständig machten, eben automatisch kamen, ohne dass ich sie wirklich denken wollte, geschweige denn denken musste. Und dass ich dieses Verhaltensmuster kontrollieren kann, durch Achtsamkeit, Meditation, Beobachtung.

„Dein Verstand ist ein Instrument, ein Werkzeug. Er hat seinen Nutzen bei bestimmten Aufgaben, und wenn die erledigt sind, schaltest du ihn wieder ab. In Wirklichkeit sind achtzig bis neunzig Prozent des Denkens der meisten Menschen nicht nur nutzlos und repetitiv, sondern oft so gestört und negativ, dass sie geradezu schädlich wirken. Wenn du deine Aufmerksamkeit so viel wie möglich im Körper hältst, dann bist du im Jetzt verankert. Du verlierst dich weder in der äußeren Welt noch in deinem Verstand. Gedanken und Gefühle, Ängste und Wünsche können dann zwar noch da sein, aber sie überwältigen dich nicht.“              Eckhart Tolle

Bei Eckart Tolle geht es grundsätzlich um Präsenz. Ein Leben im Jetzt zu führen, nicht in der Vergangenheit, die du nicht ändern kannst, und nicht in der Zukunft, die du nicht oder nur sehr bedingt beeinflussen kannst. Sein Kredo habe ich für mich auf drei Prinzipien runtergebrochen: Akzeptieren, was ist, loslassen, was geht, und wertfrei bleiben, also nicht be- oder gar verurteilen.

Vor allem letzteres tun wir jeden Tag und ständig. Dinge und Zustände sind erstmal wo, wie sie sind. Indem wir sie beurteilen, machen wir sie zu etwas Gutem oder Schlechten. Ein einfaches Beispiel: Es regnet. Das ist erstmal weder gut noch schlecht. Aber indem ich es bewerte, kann ich daraus ein „Toll, endlich kann ich es mir guten Gewissens auf dem Sofa gemütlich machen“ oder „Shit, hab ich Bock bei dem Wetter zur Arbeit zu gehen.“ Alles ist eine Frage der Sichtweise. Und auch wenn es nicht immer gelingt, so hat mir diese schon oft zu einer anderen, positiven oder neutralen Perspektive verholfen.

Tolle und seine Gedanken helfen mir ungemein, auch heute noch. Es gelingt mir nicht immer, aber mit Übung immer öfter. Und vor allem gibt es mir Ruhe und Kraft, wenn ich mich mal wieder in (negativen) Gedanken zu verlieren drohe. Das Ophra Winfrey seine Bücher auf dem Nachtisch liegen hat und einer seiner BFFs der Dalai Lama ist, habe ich erst sehr viel später erfahren 😉

Ich habe seitdem noch andere inspirierende Menschen und „spirituelle Lehrer“ entdeckt, deren Gedanken, Erfahrungen, Perspektiven ich teilweise dankbar in mein Leben integriert habe.

Meine Erkenntnis: Für jeden von uns gibt es da draußen etwas bzw. jemanden, der uns Halt gibt in Momenten, in denen wir uns schwach, kraftlos und verloren fühlen. Das sind in erster Linie natürlich unsere Liebsten, aber auf einer höheren Ebene eben auch Jesus, Gott, Mohammed, Buddha, einer der über 5000 hinduistischen Hauptgötter oder eine Voodoo-Prinzessin. Manchmal ist es aber auch einfach ein inspirierender Mensch, in dessen Weisheiten wir uns wiederfinden und Kraft daraus schöpfen.