Wenn es um Ernährung, Lieblingssnacks, Nervennahrung und das heißgeliebte Sonntagsbrötchen geht, ist das für viele eine fast heilige Angelegenheit. Wir alle haben unsere liebgewonnen Gewohnheiten und Rituale, die wir nicht oder nur ungern aufgeben wollen. Und das kann ich gut nachvollziehen. Hättet ihr mir vor zwei Jahren gesagt: „Ab heute verzichtest du  auf dein Käsebrot…“, hätte das wie eine Mammutaufgabe geklungen. Heute weiß ich: Es ist reine Kopfsache. Und damit viel leichter als man denkt. Die Macht der Gewohnheiten ist stark. Vor allem wenn man das Verändern von Gewohnheiten mit Verzicht gleichsetzt. Doch genauso kann man es umdrehen: Es ist ein Gewinn – von neuen Gewohnheiten und neuen Lieblings-Lebensmitteln. Ich habe so viele neue Zutaten, Rezepte, Gewohnheiten hinzugewonnen, dass ich weder einen Mangel spüre noch das Gefühl habe, bewusst auf etwas verzichten zu müssen.

Einsicht Nummer 1

…ist also: Eine Umstellung ist eine Frage der Einstellung – sind wir offen und sehen es als Gewinn an, von neuen Zutaten, Ritualen, Gewohnheiten und einfach von MÖGLICHKEITEN, dann ist gar nicht schwer. In dem Moment, wo wir uns etwas verbieten, das Gefühl haben, etwas aufgeben zu müssen, zu verlieren, bekommt es auf einmal eine unnötige Schwere. Also: Einfach mal versuchen, das Mindset umzudrehen. Und wenn wir doch mal schwach werden: Mit allen Sinnen genießen und nichts bereuen, denn das ist menschlich und auch gut so 🙂

Einsicht Nummer 2

…die vor allem in manchem recht rationalen Menschen wie mir hilft ist: Beschäftigt euch damit, WARUM es Sinn macht, etwas zu ändern. Und was das Beibehalten von ungesunden Gewohnheiten mittel- bis langfristig für euch und euren Körper bedeutet. Fragt euch doch mal: Wo und vor allem wie sehe ich mich in zehn Jahren? Wir alle wissen: Man kann das Leben nicht kontrollieren. Aber man kann dafür sorgen, dass man für die bunte, aufregende, überraschende, schöne Achterbahnfahrt aus Höhen und Tiefen bestmöglich gewappnet ist.

Essen ist auch Befriedigung. Und wenn wir es gewohnt sind, in stressigen Zeiten als Trost und Beruhigung Pizza oder Schokolade zu essen oder Rotwein zu trinken, dann verlangt unser Unterbewusstsein eben auch genau nach diesen Dingen. Wir werden getriggert. Was gilt es also zu tun? Wir können ganz einfach neue Lieblingsgewohnheiten entwickeln – wir müssen nur offen dafür sein.

Gewohnheiten, die uns und unserem Körper gut tun und mental ebenso befriedigend sind wie die alten. Denn mehr ist es nicht. Wenn wir Stress haben und meinen, wir bräuchten jetzt ein Snickers, dann braucht das nur unser Kopf – nicht aber unser Körper. Der wäre total happy mit einer Handvoll knackiger Nüsse, ein paar saftigen getrockneten Feigen oder eben, was wir uns als neue Gewohnheit ausgesucht haben, das kann ganz individuell sein. Ich esse dann zum Beispiel ein Stück Bananen-Apfel-Pekannussbrot und bin happy.

Und doch, das sage ich ganz offen, der Weg zum Bananenbrot war kein direkter und auch nicht immer ein einfacher.

Ein Königreich für ein Käsebrot

Ich war nie ein riesiger Fleischesser. Darauf zu verzichten ist mir am leichtesten gefallen, auch wenn ich das Gulasch und die Rouladen meiner Mutter immer fantastisch fand. Genau wie meine heißgeliebte Spaghetti Bolognese, die ich über die Jahre mit fast fanatischem Eifer perfektioniert habe. Trotzdem: Schon in den letzten Jahren habe ich immer öfter auch die vegetarische oder sogar vegane Variante gemacht und diese lieben gelernt. Denn auf Fleisch habe ich allein aus ethischen Gründen immer öfter verzichtet, und es wenn beim Bioladen meines Vertrauens gekauft. Was mir zuerst wirklich schwer gefallen ist, ist auf Milchprodukte zu verzichten – vor allem Milch und Käse. Parmesan auf der Pasta. Brot mit Käse. Milch in Tee und Kaffee oder auch mal im Müsli. Wenn ich im Urlaub war, sei es Indien, Afrika oder auch einfach nur in Weißbrot-England, hab ich mich vor allem immer auf eines Zuhause gefreut: Ein richtiges Brot mit Käse.

Und dann kam die ganze Krebsgeschichte. Mir wurde viel empfohlen und befohlen, von Ärzten, aber auch Mitpatienten oder Freunden. Empfehlungen sind toll, aber auf Befehle reagiere ich wie viele immer eher allergisch, deshalb hat es auch etwas gedauert, bis ich einige Aussagen und Tatsachen nach eigener Recherche für mich angenommen habe. Zum Beispiel größtenteils auf Zucker zu verzichten. Alkohol, Fleisch und Milchprodukte auf meinem Speiseplan zu ersetzen. Nicht dogmatisch, aber doch konsequent. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto logischer klang es. Darauf komme ich weiter unten noch detaillierter zu sprechen.

Das waren nicht immer unbedingt neue Erkenntnisse – jeder von uns weiß beispielsweise, dass Zucker und Alkohol nicht gut für uns sind. Aber auch wenn ich vieles bereits gehört hatte, hatte ich es bis dato zum Teil erfolgreich ignoriert. Weil es einfach nicht zu meinem Leben und meinen Gewohnheiten zu passen schien. Unbequem war. Veränderungen mit sich bringen würde. Und ich fand, dass ich mich im Vergleich zu anderen schon relativ anständig ernährte, Sport machte, und auf eine einigermaßen ausgewogene Balance achtete. Doch als ich mich näher damit beschäftige wurde mir klar: Da geht noch einiges. Und für mich war der Zeitpunkt gekommen, an ein paar weiteren Stellschrauben zu drehen.

Unser gutes Recht: sich eine eigene Meinung bilden

Warum man was ganz viel, moderat oder gar nicht essen sollte, ist eine Wissenschaft für sich. Und es gibt hier viele, viele, viele Meinungen, selbst ernannte oder wirklich Experten, gute und schlechte Studien, Spekulationen, Diskussionen und Meinungen. Über jedes der folgenden Themen könnte ich ein ausführliches Essay schreiben, um alle Meinungen aufzuzeigen, den aktuellen Stand der Wissenschaft wiederzugeben und ausführlich zu begründen, warum ich was glaube und tue. Das würde hier komplett den Rahmen sprengen, und außerdem sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, Menschen meine Meinung aufzuzwängen oder von etwas zu überzeugen, von dem sie nicht überzeugt werden wollen. Keiner von uns möchte gesagt bekommen, wie er sein Leben zu leben hat, das ist das Privileg unserer Gesellschaft: Wir können es mehr oder weniger im Rahmen unserer Möglichkeiten selbst entscheiden.

Diesen kleinen, auf die wichtigsten Aussagen beschränkten Exkurs in Sachen Ernährung mache ich um zu zeigen, warum ich mich bewusst entschieden habe, bestimmte Dinge und Gewohnheiten durch andere zu ersetzen.

Zucker: Raffiniert aber nicht clever

Es ist kein Geheimnis, dass wir alle mehr oder weniger zuckersüchtig sind. Ob im Kaffee oder Tee, in Brotaufstrichen und sogar teilweise Broten, generell Gebäck, in Süßigkeiten, Kaltgetränken bis hin zu verstecktem Zucker in Fertiggerichten, Saucen, Dressings, Milchprodukten und mehr. Es heißt, dass der durchschnittliche Europäer bis zu rund 40 kg reinen Zucker im Jahr zu sich nimmt. Ist das nicht krass? Das sind 40 Pakete Zucker aus dem Supermarkt! Ich spreche vor allem von raffiniertem weißen Zucker, wobei brauner Zucker nicht wirklich besser ist.

Zucker macht uns nicht nur dick, weil er in der Leber zu Fett umgewandelt wird, sondern ist auch Gift für unseren Körper. Er schwächt nachweislich unser Immunsystem, schädigt die Leber, irritiert Magen und Darmflora (was wiederum zu einer Schwächung des Immunsystems führt) und verstärkt das Risiko, beispielsweise an Diabetes, Osteoporose und anderen ernsten Krankheiten zu erkranken.

Wer einmal ein paar Tage komplett auf Zucker verzichtet, der merkt richtig, wie sein Körper danach verlangt. Wie er beispielsweise auch nach Kaffee oder Zigaretten verlangt, wenn man davon abhängig ist. Ich habe vor ein paar Jahren mal eine Woche eine Basenfastenkur gemacht, das heißt, man nimmt nur basische Lebensmittel zu sich, und davon auch nur wenig: also primär Gemüse, etwas Obst, ein paar Samen oder Nüsse. Das war hart – aber auch wundervoll 🙂 Ich habe mich nach den ersten Tagen fantastisch gefühlt. Für mich war primär der Zuckerentzug spürbar, einige meiner Mitfaster litten auch noch unter massivem Kaffee- oder Zigarettenentzug. Das Schöne, wenn man den Körper entwöhnt hat: man hat diese Attacken nicht mehr. Aber damals war ich noch nicht bereit, auch nach der Kur wirklich umzusteigen auf eine andere Ernährungsform. Der Alltag holte mich relativ schnell wieder ein, auch wenn ich mich generell gesund ernährte – aber immer wieder mit regelmäßigen Aussetzern.

Als ich dann Brustkrebs bekam wurde mir von mehreren Seiten gesagt, ein kompletter Verzicht auf Zucker würde den Krebs aushungern. Auch darüber habe ich bereits andere Sachen gelesen oder gehört. Und es gibt keine Studie, die einen direkten Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Krebs belegt – auch wenn ich daran glaube, dass der Verzicht definitiv einen positiven, unterstützenden Einfluss bei einer Krebserkrankung haben kann. Aber soweit muss es bestenfalls gar nicht erst kommen: Ich bin davon überzeugt, dass eine gute Ernährung die beste Prophylaxe ist, um gesund zu bleiben. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Aber ich möchte mich nie wieder fragen: Hätte ich damals etwas anders machen sollen…? Wenn das Schicksal zuschlägt, dann ist das so. Aber ich muss es nicht noch herausfordern.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Während der Chemo und der Bestrahlung haben die meisten Patienten trotzdem Kuchen oder Süßigkeiten gegessen. Manche waren durch die Strapazen eh schon zu dünn und mussten kämpfen, nicht weiter abzunehmen, andere brauchten Seelenfutter fürs Wohlbefinden. Und die Seele ist bekanntlich mit der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Therapie. Auch ich habe anfangs eine Zeit lang versucht, mich vegan zu ernähren, aber nach zwei-drei Monaten Chemo war ich so fertig, dass meine Willenskraft schwand. Ich griff zu dem, was ich kannte, weil ich Nervennahrung und Energie brauchte. Das bereue ich nicht. Nicht einen Riegel Schokolade, nicht ein Löffel Eiscreme und nicht ein Stück Kuchen.

Aber ich habe mir geschworen, jetzt, wo es mir wieder gut geht, dafür zu sorgen, dass das so bleibt, soweit es in meiner Macht steht. Denn wenn es einem wirklich schlecht geht, hat man meist nicht die Kraft, etwas an seinen Gewohnheiten zu ändern. Das kann man nur, wenn es einem gut geht. Und diese Möglichkeit wurde mir geschenkt – also nutze ich sie.

Alkohol

Über Alkohol muss ich wohl nichts weiter sagen. Auch ich fand es immer mega gemütlich, Zuhause oder auswärts mit Freunden ein Weinchen zu trinken. Und dann wurden es oft zwei. Oder drei. Weil es so schön und lustig war, oder der Tag so stressig oder der Wein einfach so lecker. Mal ehrlich: Meist bleib es nicht bei einem Glas. Und auch nicht bei einem Tag die Woche. Dann kam hier eine Einladung, da ein Konzert, da ein Besuch in der Weinbar und am Freitag dann das fast schon obligatorische Feierabendbier mit den Kollegen. Ich hab das nie als maßlos oder übertrieben empfunden, und es gab immer Phasen, in denen ich auch mal nichts oder nur sehr wenig getrunken habe. Aber in der Retrospektive war es sicher mehr, als objektiv betrachtet gut war. Aber weil ich mich nicht einschränken oder mein Leben ändern wollte, und es auch etwas mit Geselligkeit zu tun hatte, habe ich das ignoriert.

Wenn ich jetzt Lust habe, trinke ich immer noch mal ein Glas. Aber eben nur ein Glas. Bis auf die letzte Weihnachtsfeier – das war aus Gründen 😉 Und es war ein toller Abend, Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. Aber danach war auch wieder gut und ich habe gemerkt: Mein Körper braucht jetzt wieder primär Wasser, Tee und Sellerie-Rote-Beete-Smoothies.

Das Schöne: Ich habe nicht das Gefühl, auf etwas zu verzichten oder mich dazu zwingen zu müssen. Ich habe einfach meine Gewohnheiten geändert und höre mehr auf meinen Körper. Und jetzt ist es für mich normal, nicht zur Weinkarte zu greifen, sondern zu der mit den nicht-alkoholischen Getränken. Prost 🙂

Meine Gedanken zu Fleisch, Milchprodukten und Weizen lest Ihr in „Die Macht der Gewohnheiten, Teil 2“